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Farbkörper als sinnliche Erfahrung

Der Maler Bruno Seitz (*1955) tritt mit neuen Werken an die Öffentlichkeit. Vorausgegangen ist eine lange Inkubationszeit, um dem Keimen neuer Bildkonzepte genügend Raum zu geben und sie auf ihre Gültigkeit hin zu überprüfen. Nun erobern die frischen Bilder mit ungestümer Kraft den Raum und lassen die früheren Werke zurücktreten. Verschwunden ist die elegische Stimmung der entrückten Landschaftskulissen, verloren der Auftritt von Baum und Gebüsch. Abgeklärtheit und Distanz sind einer neuen Erregung gewichen, die das Ereignis der Farbe vehement in den Fokus rückt: Das ehemals verhaltene Kolorit hat sich in den neuen Werken zum impulsiven Schauspiel gewandelt.

Ähnlich haptisch wie früher treten die pastosen Oberflächen in Erscheinung, erinnern an erstarrte Lava, verkrustete Mauern oder moosbewachsene Rinden. Der Bildraum scheint geborsten, als würde die Erdkruste aufbrechen und Urkräfte freilegen. Furchen bahnen sich den Weg in die Tiefe der Schichtung. Geschmeidige Farbinseln überwuchern das Bildgefüge, die zähe Konsistenz der Ölpaste formt sich zu reliefartigen Strukturen, wodurch die Bildfläche stark aktiviert wird. Dazu blüht ein neues Farbspektrum auf: Neben gebrochen Tönen wie Graublau, Altrosa, gelbem Ocker und Petrol glüht Orange neben Türkis, Hellgrün und Zitronengelb, Purpur und Zinnober.

Seit vielen Jahren hat der Künstler seine eigene Methode der Impastotechnik entwickelt. Die langsam trocknenden Ölfarben feinster Qualität werden über Monate hinweg in unzähligen Schichten aufgetragen. Sie wuchern, durch gelenkten Zufall, im Bildbiotop und verselbständigen sich zum Relief. An ein vorherbestimmtes Bild sind sie nicht gebunden. Vielmehr ist es die Autonomie der Farbe, die der Künstler aus malerischer und visueller Folgerichtigkeit heraus entwickelt. Man staunt darüber, dass er so viel aufgetürmte Farbe auf der Leinwand zu balancieren vermag, so viel unbändige Energie darin gefangen ist. Das Licht wird dabei zum wichtigsten Mitspieler. Es dringt aus dem Inneren der Farbmasse hervor, gleichzeitig intensiviert die Reflektion von aussen das Bildgefüge. Mit ihrer Ausdruckskraft scheinen die abstrakten Farbräume das Format zu sprengen und über sich selbst hinaus zu wachsen - zu Farbkörpern. Farbe ereignet sich im Raum!

Die Werke des Künstlers sind eigenwillig und lassen sich nur schwer einordnen. Angeregt von Malern wie Frank Auerbach und Leon Kossoff stehen sie in der Tradition einer Peinture, die bei den autonomen „Taches“ eines Cézanne ihren Anfang nahm und die Fortsetzung in den farbigen Inkrustationen findet, die kaum noch analytisch zerlegt werden können. Mit der Betonung der Geste und des Allover nehmen sie auch Bezug zu den abstrakten Malern der 50er Jahre in Amerika und Europa.

Bei der Betrachtung seiner Werke wird der phänomenologische Ansatz des französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty, der das Körperliche der Wahrnehmung betont, fruchtbar. Der taktile Bildkörper provoziert ein emphatisches Eindringen und Abtasten und erzeugt so Realität. Gleichzeitig wird der Reichtum eines Farbkosmos sichtbar, der auf der „Zunge zergeht“. So wird die Wahrnehmung der Werke von Bruno Seitz zum sinnlichen Involviertsein, zum körperlichen Erlebnis einer quasi Simultaneität des Malprozesses von der ersten bis zur letzten Farbschicht. Die Farbkörper von Seitz sind wandelbar und bringen sich stets von Neuem hervor. In ihnen wird Malerei als sinnliches Gegenüber und Realität als instabile Grösse erlebbar. 

lic. phil. l. Kretzschmar (2017)


Licht und Materie

Die Konzentration auf das eine Motiv der Landschaft bestimmt die Bilder von Bruno Seitz. Auf den ersten Blick scheinen die menschenleeren, stilisierten Parklandschaften zunächst vertraut, beim näheren Einlassen fremd und in weite Ferne gerückt. Da sind keine Spuren einer Menschenwelt oder ein Verweis auf eine geographisch einzuordnende Situation erkennbar. Vielmehr zeichnen Stille und Unerreichbarkeit diese Orte aus.
Versucht man eine Beschreibung der malerischen Mittel gelangt man zu zwei Aspekten, die eng mit einander verbunden sind: Die Darstellung der Natur und das Arbeiten mit Licht. Vor einem hochangelegten Horizont erscheinen gelbgrüne Sträucher und Bäume, die sich von einer weissblauen Himmelszone abheben. Es sind kugelige und kegelförmige Gebilde von hohem Abstraktionsgrad, die sich dem Betrachter erst aus der Distanz als Darstellung von Baumbewuchs eröffnen. Formal neutral gehalten verweigern sie jeden Bericht einer Geschichte; sie sind einfach anwesend wie Darsteller auf einer Bühne.
Das Spiel von Licht und Schatten formt diese Vegetation und lässt sie Gestalt annehmen. Eine Lichtquelle lässt sich ausserhalb des Bildraums erahnen, die vibrierende Kraft hingegen tritt als Eigenlicht aus dem Innern der Farbe selbst hervor. Wesentlich für diesen Eindruck ist der Farbauftrag, der das Ergebnis feinster malerischer Strukturen ist. Bis zu 30 Farbschichten baut Seitz über minimale, horizontale und vertikale Bewegungen auf, so dass sich jedes Detail als Relief übereinanderliegender Schichten zeigt. In der Verdichtung werden die taktilen Qualitäten der gemalten Oberfläche erhöht und die Präsenz der Darstellung gesteigert.
In den vibrierenden Energiefeldern wird unser Sehen auf das Wesentliche zurückgeführt: Das Licht und die Materie in ihrer elementaren Erscheinung. Die Landschaften von Bruno Seitz zeigen Orte, jenseits einer fassbaren Wirklichkeit, viel eher sind es meditative Lichträume, die in ihrer Intensität und Präsenz den Akt des Sehens sinnlich erfahrbar werden lassen.

lic. phil. l. Kretzschmar (2007)